Ist die Gebärdensprache international?

Die typische erste Frage. Nicht persönlich nehmen, wenn das Gegenüber die Augen verdreht oder lacht. Nein, sie ist nicht international. „Aber das wäre so praktisch!“ Ja, es wäre auch praktisch, wenn alle Leute Englisch sprechen würden. Doch wie jede andere Sprache auch ist die Gebärdensprache natürlich entstanden. Wo immer gehörlose Menschen aufeinandertreffen, entwickelt sich automatisch eine Gebärdensprache. So konnten es Forscher:innen Ende des 20. Jahrhunderts in Nicaragua beobachten, wo sich unter den gehörlosen Schüler:innen der neu gegründeten Gehörlosenschule schnell eine eigene Sprache entwickelte. Bildung war auch bei der Verbreitung der Französischen Gebärdensprache (LSF) im 18. Jahrhundert in Frankreich ein wichtiger Antrieb. Da gehörlose Kinder in 90 % der Fälle hörende Eltern haben, lernen sie Gebärdensprache meist durch andere gehörlose Kinder, also in Heimen oder in der Schule. Gehörlosenschule als feste Institutionen bewahren die Sprachtradition.

Wegen der unterschiedlichen Entwicklungen gibt es auch ganz andere Verwandtschaftsbeziehungen: So ist etwa die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) mit der Französischen Gebärdensprache (LSF) stärker verwandt als mit der Britischen Gebärdensprache (BSL), weil französische Gehörlosenlehrer die Sprache nach Amerika mitbrachten und dort wiederum Schulen gründeten. Gleichzeitig fand die Britische Gebärdensprache vor allem in ehemaligen britischen Kolonien Verbreitung. Als Faustregel kann gelten: Wo Autos auf der linken Seite fahren, wird britisch gebärdet, Länder der ehemaligen Sowjetunion gebärden russisch und amerikanisch beeinflusste Länder gebärden eher amerikanisch. Natürlich gibt es dabei auch Dialekte und regionale Abwandlungen. Bei der eingangs erwähnten Forschung in Nicaragua achteten die Forscher:innen übrigens darauf, möglichst nicht selber zu gebärden, um den Entwicklungsprozess und die Forschung nicht zu verfälschen.

Dialekte und Varianten gibt es nicht nur von Land zu Land: So unterscheiden sich die Gebärden in Deutschlands Norden und Süden, ebenso wie in der ehemaligen DDR. Ein typisches Beispiel für regionale Dialekte sind Wochentage und die Bezeichnungen für Monate und Jahreszeiten, die sich am stärksten unterscheiden.

Doch trotz alldem hat die Frage ein bisschen einen wahren Kern. Durch die Verbreitung des Internets und die generelle Reisefreudigkeit Gehörloser hat sich in den letzten Jahren eine Art Internationales Gebärden etabliert, die auf natürlichem Weg entstand. Oft wird International Sign mit Esperanto verglichen, doch das ist nicht ganz richtig: Es gab eine erfundene internationale Gebärdensprache, „Gestuno“ genannt, die sich aber nicht durchsetzen konnte und wieder in Vergessenheit geraten ist. Zum Großteil wurde sich auf einige besonders ikonische, also bildhafte Gebärden geeinigt, die schnell und überall verstanden werden. Wie auch nationale Gebärdensprachen hat International Sign mit Anerkennung zu kämpfen: So denken viele, dass internationale Gebärden nicht genug Tiefgang haben für Fachdiskussionen und immer oberflächlich bleiben. Doch mittlerweile ist das nicht mehr der Fall.

Doch es stimmt, dass Gehörlose im Ausland wesentlich weniger Kommunikationsschwierigkeiten haben, weil der Umgang mit Hörenden für sie im Prinzip überall gleich ist.

Taubstumm sagt man nicht!
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